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27.06.2011

Zur Ausstellung Wind and Weathering, Tibethaus FFM, Christoph Stolz, Kunsthistoriker, Berlin

Jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem. Diese allgemeine Vorstellung von einem ununterbrochenen Sinnzyklus verleitet mich dazu, hier an den Anfang zu stellen, was eigentlich an den Schluss eines solchen Textes gehört: das Thema dieser Ausstellung, die jene in Sabine Huneckes Werk auftauchende und im gesamten tibetischen Kulturraum verbreitete Gebetsfahne (tib.: rlung rta, dt.: Windpferd) zum Gegenstand hat, ist nicht einfach die Fahne selbst, sondern es sind ihre Transportwege.
Wind und Verwitterung stellen jene natürlichen Transportwege der Gebetsfahne dar, denen sie in ihrem rituellen Kontext ausgesetzt und so ihrer Bestimmung zugeführt wird: die ihr aufgeprägten, zum Wohle aller Wesen bestimmten Gebete weiterzutragen, zirkulieren zu lassen. Im Akt der Übergabe wird das Gebet mitsamt der Materialität der Fahne dem Wind und der Verwitterung überantwortet. Ein Auflösungsprozess, der ein Ende darstellt, wie ich es angedeutet habe: als wiederkehrender Anfang von etwas Neuem.
Das Zyklische dieser Auffassung ist in Sabine Hunecke`s Arbeiten eingeschrieben wie eine Signatur. Ihre Kunst ist sinnlicher Ausdrucksträger und - was nicht allzu technisch verstanden werden muss - Transportmedium der per se non-territorialen Gebetsfahnen aus ihrem ursprünglichen Kontext hinein in die westliche Kultur.
Die Künstlerin nähert sich dem Gegenstand unter Verwendung verschiedenster künstlerischer Ausdrucksmittel an. In Collagen, Zeichnungen und Gemälden mit einem an Kalligrafie geschulten Duktus, formt sie die Fahne aus in sich vibrierenden Linien und vor Landschaftsausschnitten, die Bewegung und Fließen suggerieren. Wo Figurenrisse hinzugefügt werden, befördert sie mitunter auch kritische, auf die hiesige Verwendung der Fahne zielende Lesarten, nach welchen Einzigartigkeit jäh mit der Banalität eines beliebigen Kulturproduktes verwechselt zu werden droht. Einer von der Fotografie zur Zeichnung und letztlich zur Malerei führenden Arbeitsweise folgend, unterstreicht Hunecke unterschiedliche ästhetische Merkmale der Fahne, wie ihre haptisch-fragile Materialität oder die geometrische Beschaffenheit ihrer Hängungen unter freiem Himmel. Dank der Tatsache, dass in Wind and Weathering alle künstlerischen Ergebnisse gleichwertig nebeneinander und die Gebetsfahnen somit in unterschiedlichen Weges- und Verfallszuständen präsentiert werden, erhält der Betrachter die Möglichkeit, die jeder einzelnen Arbeit eingeschriebene Zeitlichkeit differenziert nachzuvollziehen.

Christoph Stolz, Kunsthistoriker, Berlin



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