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30.10.2014

Rede zur Vernissage „InFormation“, Wiesbaden, Nina Mößle, Kunsthistorikerin

Dass Sabine Hunecke einen Faible für das Spiel mit Schriftzeichen und graphischen Codes hat, zeigt sich nicht nur beim Betreten des Galerieflures, wo Sie, als Betrachter, von zahlreichen Gesichtern in seltsam zeitentrückten Schaukästen zur Ausstellung begrüßt werden. Bereits in der 2011 gezeigten Ausstellung „hairytales“ in der Aula des Kunsthauses Wiesbaden erwies sich die Künstlerin als Choreografin der linearen Struktur in Form von Haaren. Ihre Arbeiten erzählen auf kryptische Weise Geschichten von einem alltäglichen, vermeintlich banalen Begleiter unseres Lebens. Genau diese Banalitäten des Alltags, die unbewusst gezogenen Spuren des menschlichen Lebens sind es, die Sabine Hunecke inspirieren. Plötzlich rückt das Abseitige, Unbewusste durch einen äußeren Impuls in ihren Fokus und bildet den Ausgangspunkt für ihr künstlerisches Schaffen.

Gemeinhin gilt, dass der Mensch nicht nicht kommunizieren kann. Durch Kommunikation entsteht Information. Eine entscheidende Voraussetzung für die Bewahrung und Vermittlung von Information ist die Schrift. Durch die Verlagerung unserer Kommunikationsstrukturen in die virtuelle Welt, wird Information zunehmend nicht mehr in uns vertrauten Zeichensystemen abgebildet. Stattdessen liegen sie in schier unendlichen Ketten von Binärcodes in der Matrix bereit und werden bei Abruf in konventionelle Schriftzeichen konvertiert, und damit lesbar. Die virtuelle Erweiterung unserer Lebenswelt verändert also nicht nur unserer Kommunikations-, sondern auch unsere Wahrnehmungsmuster.

Die Ausstellung „In Formation“ fragt nach dem Verhältnis von Schrift und Information und versteht sich, wie der Titel bereits andeutet, als Schnittstelle zwischen den beiden auf komplexe Weise miteinander verschränkten Aspekten: Schrift als visuelle Struktur ist Träger von Information in einer bestimmten graphischen Formation.

Sabine Hunecke stellt verschiedene Medien und Schriftformen als Träger von Information auf den Prüfstand. Dabei verweist die Spannbreite der Materialien und der künstlerischen Darstellungsformen – Grafik, Zeichnung und Objekt – auf die Vielfalt des thematischen Zugriffs.

Die Gemeinsamkeit der Arbeiten liegt im Bruch mit unseren Sehgewohnheiten. In einem ständigen Hin und Her von Suggestion und Irritation reflektieren sie unsere zunehmende geistige und visuelle Überforderung in Anbetracht der andauernden, medialen Informationsflut.

Der Betrachter wird mit vertrauten graphischen Strukturen, typographischen Sätzen und Zeichen konfrontiert, und beginnt sogleich diesen einen Informationsgehalt abringen zu wollen. Mitunter verweigern sich die Formationen jedoch der konventionellen Lesbarkeit. Befreit von jeglicher Information ergeben die in Formation gebrachten Zeichen ein visuell reizvolles Gefüge und gewähren Raum für eigene Assoziationen.

In der sogenannten Konzeptkunst der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erkundeten Künstler das Verhältnis und die Wirkungsästhetik von Text und Bild und rebellierten damit gegen die konventionell anerkannten Formen von Kunst und Literatur. Insbesondere die medialen Formen der Massengesellschaft, Zeitschriften und vor allem Bücher, galten ihnen als Experimentierfeld und Reflexionsraum. Der Traditionslinie dieser Zeitströmung folgt Sabine Hunecke, die dem Arbeits- und Denkprozess genau so viel Wert beimisst, wie den Resultaten, die ihrerseits wiederum den Prozess dokumentieren.

So gibt das präsentierte Skizzenbuch Einblick in den Entstehungsprozess der Seriegraphie. Spielerisch entdeckt die Künstlerin, dass ihre beiläufig notierten Wiederholungen in ihrer Gesamtansicht ein eigentümliches Schriftbild erzeugen. Durch Siebdruck vervielfältigt, entwickelt jedes der 21 Einzelblätter ein figuratives Eigenleben und erzählt damit seine jeweils eigene Geschichte.
Die gleichzeitige Präsentation von Idee und Resultat erzeugt hier ein Spannungsverhältnis zwischen dem herkömmlichen Skizzenbuch und den aufwändig bedruckten und gerahmten Papierbögen. Zwar tragen beide die gleiche Information, doch könnte die Wirkung, die von beiden ausgeht, unterschiedlicher nicht sein.

Dass Information als Instrument politischer Machtausübung eine gefährliche Brisanz entwickeln kann, zeigt die Arbeit „Friedenszeichen“, in der das Winkeralphabet, das zur optischen Nachrichtenvermittlung im militärischen Bereich zur Anwendung kommt, plötzlich aus der Reihe tanzt. Die bedrohlich wirkende, schwarze Leerstelle, die in ihrer amorphen Formation an einen Landstrich denken lässt, sprengt die Ordnung des Systems. Die Zeichen scheinen wie vom Erdboden verschluckt – sind die Informationen wirklich ausgelöscht, oder formieren sie sich nur an anderer Stelle neu?

Sabine Huneckes Kunst versteht sich nicht als ein in sich abgeschlossenes Gefüge, sondern lebt vom Dialog mit dem Betrachter, der die bewusst gesetzten Leerstellen mit seinen Assoziationen füllen darf.

Und jetzt wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Entdecken. Lassen Sie sich inspirieren.
Natürlich steht ihnen Sabine Hunecke für weitere „In Formationen“ zur Verfügung.

Nina Mößle, Kunsthistorikerin



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