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20.01.2012

Eröffnungsrede zur Ausstellung Hairytales, Aula Kunsthaus Wiesbaden, Ute Wurtinger, BBK

Es ist ein Phänomen, dass unsere Gesellschaft sich mit Haaren, die sich auf dem Kopf befinden intensiv
und gerne beschäftigt und auch keine Kosten scheut, um die sogenannte Frisur passend zu ihrem Träger
zu gestalten. Es wird gefärbt, gewickelt, gewellt, geschnitten und geföhnt und alles dient der optischen
Außen-Darstellung.
Aber wehe, wenn die Haare den Kopf verlassen haben und kopflos und damit herrenlos vorgefunden werden:
Ekel stellt sich ein. Obwohl doch eine komplette DNA hier aufgespult alles über ihren ehemaligen Besitzer
aussagen kann.
Dieser Widerspruch hat Sabine Hunecke gereizt. Selbst mit langen, schönen Haaren gesegnet und sich
darüber bewusst, welch Aufhebens sie wie alle anderen darum macht, hat sie sich der anderen Seite angenommen,
der herrenlosen. Ihre intensive, haarscharfe Beobachtungsgabe hat sie auf die Ästhetik der feinen Linien von Haaren
im Waschbecken aufmerksam gemacht. Ob es ihre eigenen, oder die aus dem Rasierer
geklopften Bartstoppeln ihres Mannes waren, das zufällige Arrangement auf weißem Porzellan ergab ein Bild, das sie
fotografisch festhalten musste. Ein Augenblick, der nicht lange verweilt, eine kleine Alltagsgeschichte, täglich neu
erzählt und vom Zufall immer wieder anders arrangiert.
So begann es vor etwa 5 Jahren ...
Ihre Arbeiten kann man in drei Kategorien einteilen:
1. Das Vorgefundene, 2. Das bewusst Arrangierte und 3. Die Zeichnungen. Sie findet oft Haare, die sich schon in einem Zustand befinden, den die Künstlerin in diesem fotografiert, vorzugsweise mittags um 12 Uhr, denn hier ist der Schatten kurz und fasst die Form.
Mittels der Tiefenschärfe erscheint das Haargespinst in einer Dreidimensionalität, die es zu einer Größe
erhebt, die mit dem von Sabine Hunecke gefundenen Büschel kaum noch etwas zu tun haben scheint. Aber
mitnichten, es ist genau dieses Haarbüschel, das sie uns in einer wundersamen Erscheinung nahebringt und es aus
seinem realen Dasein hebt. Das Gefundene wird durch ihre Fotografie in einer Weise ästhetisiert, wie es nur durch
ihren künstlerischen Blick gelingen kann. Die wahre Kunst des Fotografen ist es, das Alltägliche neu zu sehen. Und das ist hier wunderbar gelungen.

Für Sabine Hunecke ist es nicht immer einfach, mit all ihren Haaren unterschiedlichster Menschen in ihrem Atelier
zusammen zu sein. Es gibt Haare, die riechen für sie angenehm und auch Haare, mit denen sie weniger gut kann.
Es sind eben gewachsene Teile von Menschen, und deren unterschiedliche Schwingungen erlebt die sensible Künstlerin bei ihrer Arbeit.
Hairytales nennt sie ihre Ausstellung. Zu jeder Arbeit gibt es eine Geschichte. Eine besonders schöne erzähle ich Ihnen. Es gibt ein arabisches Sprichwort: “Wenn du ein Vorhaben hast, prüfe es gut, und wenn du zu dem Schluss kommst, dass es sich so leicht umsetzen lässt, wie man ein Haar aus der Butter zieht, dann tu es.“
Ihre feinen Zeichnungen erscheinen mir wie eine Ideensammlung, aus der sie großformatig Details zu
gegebener Zeit hervorholt. Auch die Zeichnungen sind sehr detailliert sensibel gearbeitet und zeigen den
besonderen Blick auf das Haarobjekt.

Sie sehen in dieser Ausstellung Objekte unterschiedlichster Größe. Das Waschbecken ragt wie
selbstverständlich aus der Wand, ist jedoch seiner bekannten Funktion enthoben. Hier ist es nur ein Teller
für das Haararrangement. Ein uns wohl bekanntes, lästiges Bild wird hier zur bleibenden ästhetischen,
geordneten Situation, der wir als Betrachter ausgesetzt sind. Und an die wir sehr wahrscheinlich häufiger
denken, wenn wir morgens vor dem Waschbecken im Badezimmer stehen.
Ich bin davon überzeugt, dass sich unser Blick auf das Haarige nach dieser Ausstellung ändern wird.
„Schön“ nennt Sabine Hunecke ein Objekt, das sie als einziges mit künstlichen Haaren versehen hat.
Über dem plakativen Foto eines offenen Mundes mit stark geschminkten Lippen kringeln sich synthetische
blonde Locken – und gerade diese erscheinen gar nicht schön. Die Künstlerin arbeitet mit unseren Reaktionen,
mit unseren Gefühlen von Überraschung und Ekel. Sie weist uns neue Wege, denn wenn Haare den Kopf verlassen
haben, sind schon Geschichten geschehen, es ist viel passiert. „Durchwachsen“ heisst eine kleine, dreiteilige Arbeit. Haare wachsen auf zwei Seiten eines hautähnlichen Materials, denn Haare können auch durch die Haut wachsen und eine groteske Optik erzeugen, die der derjenige, dem dies passiert, üblicherweise sofort korrigieren lässt.
Ein anderes Wandobjekt zeigt drei Visitenkartenhüllen voll mit unterschiedlichsten Haaren. „Identität“ nennt Sabine Hunecke ihr Werk.
Von einer Ästhetik des Haarigen restlos überzeugen uns die großformatigen Fotos. Schalenartige oder Kugelförmige Gebilde mit haarfeinen Linien, Gespinste mit sternenartigen Reflexen ….wirklich schön sind diese Staubpartikel zwischen den Haaren, die das Triptychon zeigt. Und es wird wieder eine Geschichte erzählt.
Graphik und Kalligraphie hat die 47jährige Sabine Hunecke studiert und auf dieser Basis erarbeitet sie sich ihre Kunst, nein, sie kann nicht von ihrer Kunst leben – noch nicht, aber sie wird dadurch reicher und ich bin überzeugt, dass Sie liebe Gäste heute auch ein bisschen reicher nach Hause gehen und ein ausgefallenes Haar mit Respekt betrachten werden.


Ute Wurtinger 2012,

bis Feb. 2016 erste Vorsitzende BBK Wiesbaden



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